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Libertad Verlag - Bücher der Freiheit und Solidarität
Autorenbuchhandlung des DadAWeb

Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung

Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung
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ISBN: 9783922209881
GTIN/EAN: 9783922209881
Verlage: Trotzdem Verlag
Mehr Titel von: Trotzdem Verlag
22,00 EUR
inkl. 5 % MwSt. zzgl. Versandkosten


Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung.
Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens

Von Noam Chomsky. Herausgegeben von Mark Achbar.

Grafenau: Trotzdem Verlagsgenosenschaft, 2001. 300 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3922209881.

Beschreibung:

Seit Noam Chomsky Mitte der sechziger Jahre seinen Elfenbeinturm als Linguist am Massachussetts Institute of Technologie (MIT) verließ, um gegen den Vietnamkrieg Stellung zu beziehen, hat er eine Vielzahl von Büchern und Artikeln publiziert, unzählige Vorträge gehalten.

In diesem Buch, das zum vielgerühmten Dokumentarfilm „Manufacturing Consent“ entstand, wird zum erstenmal ein Überblick über das Denken und den Werdegang dieses faszinierenden Menschen gegeben. Besonderes Augenmerk gilt dabei Noam Chomskys luzider Medienanalyse, deren manipulative Methoden er aufgezeigt hat. Dieses auch an Bildmaterial reiche Buch ermuntert den Leser, sich der Desinformation im Alltag zu entziehen, kritisch und selbständig zu denken sowie Widerstand zu leisten.

Einführung [7]
Projektablauf [10]

Der Mensch Noam Chomsky

  • Frühe Einflüsse [42-48, 62-63]
  • Wendepunkt Vietnam [32, 63-68]
  • Seine Rolle [19, 192-193, 206-208]

Die Medien

  • Gedankenkontrolle [16, 18, 40-42, 49-51]
  • Das Propagandamodell [51-61, 78]
  • Der Golfkrieg [69-77]
  • Fallstudie Kambodscha/Osttimor [91-115]
  • Kürze als strukturelle Einschränkung [147-160]
  • "Noam Chomskys Sport-Rap" [88-90]
  • Die Kabale der Verschwörungsgegner [58-60, 131]
  • Die Medien in Media [80-82, 132-133]
  • Alternativ-Medien [198-203]

Der Linguist Noam Chomsky

  • Grundannahmen [21, 23, 27]
  • Der Schimpanse Nim Chimpsky [20]
  • Der (Nicht-)Zusammenhang mit der Politik [28-29]

Die Gesellschaftsordnung

  • Bildungswesen [157-158]
  • Anarchismus und Libertärer Sozialismus [33-34, 215-217]
  • Widerstand und kritische Analyse [192-196]

Kritik aus den Medien

  • William F. Buckley (TV, "Firing Line") [66-67]
  • David Frum (Washington Post) [116]
  • Jeff Greenfield (TV, "Nightline") [146-149]
  • Karl E. Meyer (New York Times) [54-55, 85, 106, 108-111]
  • Peter Worthington (Ottawa Sun) [162]

Sonstige Kritik aus der Eliteschicht

  • Frits Bolkestein (Verteidigungsminister) [128-131, 175, 178, 180]
  • Michel Foucault (Philosoph) [29-31]
  • Yossi Olmert (Professor) [186-188]
  • John Silber (Universitätspräsident) [139-144]
  • Tom Wolfe (Schriftsteller) [59]
  • N. N. (Student) [134]
  • L'affaire Faurisson, eine zählebige Kampagne [175-191]

Der Nahe Osten

  • Die Rechte der Palästinenser [117, 119-120]
  • Nach dem Abkommen von Oslo [121-123]

Mittelamerika

  • Die Invasion Panamas [74-75]
  • Nicaragua [150]
  • El Salvador [119, 139-144]

Der Film und das Buch

  • Chomskys Reaktionen [9, 86]
  • Widmung für Emile de Antonio [229-231]
  • Chronologie der Entstehung des Films [232-233]
  • Die Macher des Films und des Buchs [234]

Dank [235]
Personen-, Orts- und Namensregister [236-240]
Noam Chomsky: Ein Portrait [241]
Auswahlbibliographie [242]

Pressestimmen:

Ein biografischer Edelstein.
(The Sunday Times)

Ein funkelndes, provozierendes Porträt.
(The Guardian)

Eine faszinierende Einführung in das Denken eines der anregendsten Köpfe Amerikas.
(The New York Times)

Einführung

Anfang der 80er Jahre war ich in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv. Daher erweckte 1985 eine Vortragsankündigung über den "Weg zum globalen Krieg" meine Aufmerksamkeit. Der Redner hieß Noam Chomsky; mir war zwar der Name geläufig, nicht aber die von ihm vertretenen Ansichten.

Der langgestreckte, eichenvertäfelte Vortragssaal der Universität Toronto war überfüllt. Ich hatte kaum mein Aufnahmegerät neben dem Rednerpult gestartet, als der Vortragende auch schon mit einer mächtigen Laudatio eingeführt wurde. Beifall, Chomsky ging ans Pult, und jetzt wurde es ernst. Alle 45 Minuten wendete ich hastig die Kassette oder legte eine neue ein - nur kein Wort verpassen!

An diesem Abend wurde meine politische Haltung von Grund auf und unabänderlich neu fixiert, von diesem Mann mit der unaufgeregten Stimme, einer etwas düsteren Ironie und einem Faktenwissen, wie ich es noch bei niemandem erlebt hatte. Als er fertig und der wohl minutenlang anhaltende Applaus verklungen war, versuchte ich etwas schüchtern, an den freundlich wirkenden Redner heranzukommen, zusammen mit einigen anderen, die an den zweieinhalb Stunden noch nicht genug hatten. Einen Augenblick lang sprach keiner auch nur ein Wort. Ich brach das ehrfürchtige Schweigen und drängte mich mit meinem Mikrofon in seine persönliche Sphäre. Es war das erstemal, und wie viele Male sollten noch folgen! Ich fand mich einem toleranten, einfühlsamen Menschen gegenüber, der sich geduldig dazu bereit erklärte, seine Spur in der Magnetschicht meiner Kassette - und in meinem Verständnis des Machtmißbrauchs in der Welt - zu hinterlassen.

Meine Frage war nicht gerade elegant formuliert, aber Chomsky erfaßte sofort, was ich meinte, und seine Antwort bewegte sich - aber das wurde mir erst später klar - auf einem Niveau, als ob ihn ein Geschichtswissenschaftler für die BBC interviewt hätte. Was mich sofort beeindruckte, war das völlige Fehlen jeglicher Art von Herablassung. In diesem Augenblick zeigte sich mir zum erstenmal überdeutlich, was ich noch häufig erleben und im Film dokumentieren sollte: Chomskys Glaube an die sogenannten einfachen Menschen und an ihre Fähigkeit, zu verstehen, wovon er spricht, und danach zu handeln. Er predigt seine egalitäre Weltanschauung nicht nur, er sucht sie wirklich zu leben.

Zwei Jahre lang hörte ich mir die Kassetten von jenem Abend wieder und wieder an. Ich suchte nach Chomsky in den Medien - jedoch vergeblich. Zwar konnte man seine Bücher auftreiben, wenigstens in den "richtigen" Buchhandlungen, aber präsent war er eigentlich nirgends.

Endlich, im Jahre 1987, folgte Chomsky einer Einladung von Dimitrios Roussopoulos (Verleger des "Black Rose Books"-Verlags), einen Vortrag an der Concordia-Universität in Montreal, wo ich damals lebte, zu halten. Auch dieses Mal war der Saal zum Bersten voll. Neben mir saß Terri Nash, der damals gerade mit seinem Film If You Love This Planet (nach einem Vortragstext der Anti-Atom-Aktivistin Helen Caldicott), einen Oscar gewonnen hatte und in Schulen und TV-Programmen sehr erfolgreich war. "Vielleicht kann ich ja für Noam das tun, was Terri für Heien geschafft hat", ging es mir durch den Sinn.

Wie der dazugehörige Film, so soll auch dieses Buch zu den entsprechenden Werken von Chomsky, Edward S. Herman und anderen hinführen sowie auf diverse Organisationen aufmerksam machen. Es enthält zunächst die vollständige Abschrift des Tonteils des Films, ergänzt um einige zum jeweiligen Thema passende Passagen aus weiteren Quellen; meistens handelt es sich dabei um andere Texte, Vorträge oder Interviews von Chomsky, die dem Leser zusätzliche Erkenntnisse vermitteln und in ihm oder ihr vielleicht Neugier auf die Quelle selbst erwecken.

Als wir Chomsky baten, unseren ersten Entwurf zu beurteilen, brachte er Bedenken gegen die vorgesehene Darstellungsform an. Obgleich doch schon mehrere Vortragssammlungen, Interviews usw. von ihm gedruckt vorlagen, bezweifelte er zu meiner Überraschung, daß die Wiedergabe gesprochener Rede einen Gedankengang ebenso gut vermitteln könne wie schriftlich konzipierte Artikel oder Bücher. "Veröffentlicht werden üblicherweise sehr sorgfältig formulierte Textversionen, und dies ist bei weitem vorzuziehen", schrieb er uns. Beigefügt waren acht eng getippte Seiten mit - durchaus wertvollen - Verbesserungsvorschlägen für das Buch, von denen wir einige wörtlich abgedruckt haben.

Natürlich sind Chomskys Schriften präziser und detaillierter als die improvisierte Rede dies sein kann, aber sie sind gleichzeitig auch viel komplexer, voller Verweise, selbst grammatisch sehr kompliziert aufgebaut, und sie setzen häufig ein umfangreiches Vorwissen voraus. Chomsky kann seine Ideen einfach und dennoch mit beeindruckender Klarheit formulieren, so daß viele Menschen gerade beim Nachlesen seiner mündlichen Äußerungen Zugang zu seinem Denken gewinnen. Davon zeugt auch der Erfolg seiner bislang publizierten Vortrags- und Interviewtexte. Ich meine, beide Ausdrucksformen haben ihren eigenen Wert und verstärken sich gegenseitig.

Chomsky hatte auch ein ungutes Gefühl über die "Personalisierung", wie etwa der nachfolgend wiedergegebene Auszug aus einem Interview mit ihm zeigt. Hieraus erwuchs den Filmemachern - also Peter Wintonick und mir - ein Dilemma, vor dem wir dann auch bei dem Buch standen. Es erschien uns unmöglich, in dem Film eine Trennlinie zwischen dem Menschen Chomsky und seinen Ideen einerseits und seiner persönlichen Lebensgeschichte, aus der sich diese Ideen herausbildeten, andererseits zu ziehen. Wir wollten das auch gar nicht. Unser Kriterium war stets: Ist ein biographisches Ereignis von Belang für Chomskys politischen Werdegang?

Wir suchten eine Lösung für dieses Problem vermittels des selbstreferentiellen Stils des Films - wozu auch Chomskys eigene Vorbehalte, die Irrelevanz des Persönlichen betreffend, zählen. Als er 1970 im niederländischen Fernsehen auftrat, erklärte er, er sei "eigentlich ein Gegner dieses Hochstilisierens von Menschen in der Öffentlichkeit, die dann geradezu wie Stars behandelt werden und deren rein persönliche Züge mit Bedeutungen befrachtet werden." Andererseits zeigt der Film, daß ein Vortrag vor Massenpublikum das Persönliche nicht unabdingbar ausschließen muß. Wie ernst jemand seine Werte nimmt, zeigt sich in seinen Taten, und im Falle Chomskys kann man aus seinem Vorbild sehr viel lernen. Und deshalb haben wir sein Handeln in den Film, und also in das Buch, übernommen. Seine persönlichen Erlebnisse sind bedeutsam - nicht weil es seine sind, sondern weil wir sie sozusagen metaphorisch auf unsere eigenen Erfahrungen übertragen können. Der Film untersucht nicht nur Chomskys Überlegungen die Medien betreffend, sondern auch sein Verhältnis zu ihnen, wobei sich zwischen den USA und dem Ausland große Unterschiede zeigen. Man kann in seinen Erfahrungen eine Fallstudie dafür erblicken, wie in einer Gesellschaft die Medien mit abweichenden Stimmen umgehen. Auch wenn wir ihn nicht gewählt haben, so spricht er doch für die vielen unter uns, die das Gefühl nicht loswerden: Wenn nicht einmal er sich Gehör verschaffen kann, wie soll es dann uns gelingen?

Der Film nutzt mehrere simultane Kommunikationskanäle. Die verschiedenen optischen, akustischen und musikalischen Tricks und Techniken sollen dem Betrachter die gerade stattfindende Manipulation bewußt machen, einschließlich einer Personalisierung, die die Konventionen der kommerziellen Medien und der herkömmlichen Dokumentarfilme ironisch verletzt. Chomsky nimmt in seinen Schriften gelegentlich sarkastisch den Tonfall seiner Gegner an; wir haben versucht, es ihm in der vielschichtigen Sprache des Films gleichzutun. Wer den Film schon kennt, sollte sich dessen bewußt sein - und die anderen sollten nach Mitteln und Wegen suchen, ihn anzusehen.

Mark Achbar